Vermisst

Leisch

Jugendbeauftragter Leisch

Jana hat sich seit Ellas Verschwinden intensiv mit dem Thema “vermisste Personen” beschäftigt. Dazu hat sie Leisch einige Fragen gestellt.

Jana: Was soll man tun, wenn jemand vermisst wird?

Leisch: Bei Minderjährigen sofort die Eltern benachrichtigen und die Polizei einschalten! Wenn die vermisste Person allerdings über 18 ist, kann die Polizei oftmals nicht gleich tätig werden. Da wird eine Fahndung nur eingeleitet, wenn Gefahr für Leib und Leben vorliegt, also wenn du denkst, dass ein Gewaltverbrechen vorliegt oder die Person sich etwas antun könnte oder krank und hilflos ist. Ein erwachsener Mensch kann nämlich, im Gegensatz zum Minderjährigen, seinen Aufenthaltsort frei wählen. Aber man kann selbst eine Suche organisieren, indem man z.B. Flugblätter anfertigt und verteilt, sich im Bekanntenkreis umhört oder im Internet auf die gesuchte Person aufmerksam macht. Entweder mit einer eigenen Webseite oder in Zusammenarbeit mit speziellen Seiten zum Thema “vermisste Menschen” (siehe Links ganz unten).

Jana: Sollte man dabei etwas beachten?

Leisch: Abgesehen davon, dass man sich nicht in Gefahr bringen sollte, musst du folgendes bedenken: Erwachsene Personen, die älter als 18 sind, haben ein Aufenthaltsbestimmungsrecht – d. h. sie können selbst bestimmen, wo sie sich aufhalten wollen und sie haben keine Verpflichtung, irgendjemandem diesen Ort mitzuteilen. Man sollte also genau überlegen, ob die vermisste Person sich aus diversen Gründen eine “Auszeit” genommen haben könnte, bevor man Informationen über sie in der Öffentlichkeit verbreitet. Stell dir vor, du hast die Nase voll, fliegst zwei Wochen in Urlaub und wenn du zurückkommst, sind die Ampelpfosten mit deinem Gesicht zugepflastert und auf Facebook kursierst du als vermisst und jeder weiß, dass du offenbar ein Problem hast oder hattest …

Jana: Kommt das denn oft vor?

Leisch: Allerdings! Die meisten Vermissten tauchen ziemlich schnell ganz von allein wieder auf. Manchmal leiten wir eine Fahndung ein, weil ein Familienangehöriger glaubhaft nachweisen konnte, dass Gefahr für Leib und Leben vorliegt, und wenn wir den Vermissten aufspüren und fragen, ob er einverstanden ist, der besorgten Familie seinen Aufenthaltsort mitzuteilen, sagt er häufig Nein. Wir dürfen diese Information dann nicht weiterreichen, sondern können nur sagen, dass man sich keine Sorgen machen muss.

Jana: Ab wann gilt eine Person als vermisst?

Leich: Als vermisst gilt eine Person, wenn sie ihren regulären Lebensraum verlassen hat und nichts über den neuen Aufenthaltsort bekannt ist.

Jana: Gibt es Statistiken, wie lange Menschen vermisst bleiben?

Leisch: Die Hälfte der Vermisstenfälle erledigt sich innerhalb der ersten Woche. Innerhalb eines Monats steigt diese Quote auf über 80 Prozent und nur etwa 3% der vermissten Personen werden länger als ein Jahr vermisst. Aber keine Angst, die werden nicht vergessen. Eine unerledigte Personenfahndung bleibt 30 Jahre bestehen, d.h. die Person ist in unserem System gespeichert und wird permanent mit neuen Daten abgeglichen. Ich geb dir mal ein paar konkrete Zahlen: 2010 gab es 13.926 vermisste Kinder bis einschließlich 14 Jahre, davon wurden bis zum 01.03.2012 13.833 Fälle aufgeklärt. Das entspricht einer Aufklärungsquote von über 99%. 2011 wurden 4.729 Kinder bis einschließlich 13 Jahre als vermisst gemeldet. Von den 4.729 Fällen wurden 4.581 bis zum 01.03.2012 aufgeklärt.

Jana: Wie geht die Polizei bei einer Vermisstmeldung vor?

Leisch: Wenn jemand vermisst wird, richtet sich die Arbeit der Polizei nach dem Alter der Person. Wird ein Kind vermisst, wird sofort sehr viel intensiver gesucht, als wenn ein erwachsener Mann verschwindet. Aber das habe ich ja oben erklärt. Die Suchmaßnahmen können sehr aufwendig und teuer sein. Zuerst werden die Personalien in das Informationssystem der Polizei (INPOL) aufgenommen, damit alle Polizeidienststellen in Deutschland darauf zugreifen und bei einer Personenkontrolle feststellen können, ob jemand als vermisst gilt. Dann wird eine Suche nach der vermissten Person organisiert, d. h. da gehen Streifenpolizisten von Haus zu Haus und befragen das Umfeld der Person, also die Nachbarn und Freunde etc. Und schließlich versucht man, über die Auswertung von Tagebüchern, Adressbüchern, Computer etc. an weitere Informationen zu gelangen. Du musst bedenken, sobald die Polizei bei einem erwachsenen Menschen eingreift, geht sie davon aus, dass entweder ein Gewaltverbrechen vorliegt oder die Person sich selbst Schaden zufügen könnte. Natürlich wird auch das Handy geortet und ein Datenabgleich erstellt für Kreditkarte, Geldausgabeautomaten, Telefonverbindungen, Krankenhäuser, unbekannte Tote und so weiter. Und nicht zu vergessen, der Fahndungsaufruf in den Medien.

Jana: Im Fernsehen sieht man immer ganz viele Polizisten nebeneinander durch Felder laufen, ist das im echten Leben auch so?

Leisch: Absolut. Je nachdem, was geschehen sein könnte. Stell dir vor, wir suchen ein Kind und die Mutter sagt, es ist mit dem Fahrrad von A nach B gefahren. Dabei kommt es an einem Feld und einem Wald vorbei. Es könnte eine Abkürzung genommen haben und gefallen sein und verletzt am Boden liegen. Es könnte verschleppt und verletzt worden sein und in der Nähe des Weges abgelegt worden sein. Die Suchmannschaft muss genau prüfen, welches Gebiet abgesucht werden muss. Und je nach dem werden bei einer großflächigen Suche oft Polizeibeamte der örtlichen und überregionalen Bereitschaftspolizei oder der Bundespolizei und auch lokale Rettungsdienste wie Feuerwehr, THW, Rotes Kreuz mit einbezogen. Auch Suchhunde und Hubschrauber mit Wärmebildkameras können zum Einsatz kommen.

Quelle: Alle Zahlen und Fakten des fiktiven Interviews entnommen von der Webseite des: Bundeskriminalamt und Wikipedia siehe weiter unten.

Eine kleine Auswahl an Internetseiten zum Thema: